Lernen mittels Online Medien – Verdrängt streaming video die Fachbücher?

Unsere Lernmedien im radikalen Wandel der Digitalisierung.

Seit Tausenden von Jahren wird lebensnotwendiges Wissen durch das persönliche Gespräch vermittelt. Sei es das Austauschen von Erlebtem am Lagerfeuer, oder das vertrauliche Gespräch zwischen Lehrer und Schüler, Eltern und Kindern, die Unterweisung bei der Arbeit, das angeregte Gespräch unter Gleichgesinnten. Die Kombination von verbaler und non-verbaler Kommunikation von Mensch zu Mensch ist untrennbar mit der Entwicklung der Menschheit verbunden und steckt tief in unserer Spezies. Wir Menschen haben uns auf diese Weise weiterentwickelt und das Wissen, das zum Überleben notwendig war von Generation zu Generation weitergegeben.

Dann erfolgten innerhalb der letzten 1.200 Jahren 3 disruptive Innovationen: Die Erfindung der Schriften / Buchstaben, die Erfindung des Papiers und die Erfindung des Buchdrucks. Mit diesen Innovationen war es uns möglich, das Wissen zu konservieren und über Generationen, Kulturen und Gesellschaftsschichten weiterzugeben. Ein Buch konnte von mehreren Personen gelesen werden. Das Wissen verbreitete sich nun schneller und schneller.

Dann kam die Erfindung des Internets und heute ist Wissen über jedes gewünschte Thema allzeit verfügbar und leicht auffindbar. Wir können jederzeit und nahezu überall auf eine Unmenge an digitalem Content zugreifen. Die zunehmende Dominanz von Videodatenverkehr im Internet und die zunehmende Zeit, die wir durchschnittlich mit dem Konsum von Video on Demand verbringen, sowohl für Lernzwecke als auch zur Unterhaltung ist eklatant. Der Anteil von Videodaten am weltweiten IP-Traffic steigt laut Cisco Visual Networking Index von 66 Prozent im Jahr 2013 auf 79 Prozent im Jahr 2018.

Szenenwechsel. Mein Sohn wünschte sich zum 15. Geburtstag ein ganz bestimmtes Modell eines fernsteuerbaren Nitro-betriebenem Modellautos. Nitro ist ein benzinähnlicher Kraftstoff und das Modellauto fuhr mit einem Verbrennungsmotor. Also eine kleine Herausforderung für einen 15jährigen Jungen.

Ich kaufte exakt dieses Modell und am Geburtstag war die Freude meines Sohnes riesengross. Sofort rief er seinen Freund an, dieser war in 10 Minuten bei uns und sofort warfen sich die beiden Jungs über das Modellauto. Ich bemerkte, dass sich beide angeregt auf Englisch unterhielten und jedes einzelne Bauteil fachmännisch mit den englischen Begriffen benannten. Ja, ich hatte den Eindruck, dass die beiden schon seit Jahren nichts anderes machten als Nitro-Fahrzeuge zusammenzubauen. Ich ging also zu beiden und fragte sie, warum sie denn auf Englisch redeten und woher sie sich so gut mit dem Modellauto und dem Verbrennungsmotor auskannten. Und als ich die Antwort erhielt, da war mir bewusst, dass unsere Jugend bereits eine neue Generation von Lernenden ist.

Mein Sohn sagte mir, dass sie sich ein Video auf Youtube ungefähr 50mal angesehen hätten, wo der Zusammenbau und die erste Inbetriebnahme mit allen Details beschrieben wird.  Es war ein Chinese, der auf passablem Englisch mit viel Leidenschaft Modellautos vorstellt und zur Freude der Jungs alles bis ins kleinste Detail erklärte, sodass sie sich sicher fühlen konnten, das Modellauto selbst zusammenzubauen. Tatsächlich, ich merkte niemals die kleinste Unsicherheit bei den beiden Jungs und am Schluss lief das Auto einwandfrei. Heute, 2 Jahre später baut mein Sohn mit der Hilfe von Youtube und Co 3D-Drucker und andere komplexe Sachen. Wissensvermittlung zu fast 100% über streaming video, das ist heute Realität für die unter 20-jährigen.

Wann hat mein Sohn das letzte Mal ein Buch gekauft?   Ich kann mich eigentlich gar nicht erinnern, dass er sich je ein Buch gekauft hätte, genauso wie er sich mit Garantie noch nie eine MusikCD gekauft hat. Alles gibt es irgendwie und irgendwo im Internet, eh klar.

Wir haben heute die Chance jeden Experten, jeden Professor, jeden technischen Tüftler und jeden Geschichtenerzähler mit höchster Qualität am Bildschirm zu erleben, sei es via TV, Computer, Tablet oder Smartphone.

Wir lernen von Menschen, so wie sie authentisch sind; wir sehen sie in Bild und Ton und wir können uns alles wiederholt ansehen, bis wir es vollends begriffen haben.

Der Siegeszug von Youtube, Netflix, MOOCS (edX, Coursera, Khan Academy,…) und allerlei Videolernplattformen ist bereits in vollem Gange und noch immer kein Ende in Sicht.

Berufsausbildungen ohne Videotutorials sind heute bereits undenkbar und manche innovative Schulen haben elearning bereits in den Unterricht integriert. Kein Tauchkurs ohne stundenlange Trainingseinheiten vor dem Bildschirm. Kein Salsa Tanzkurs ohne Videosequenzen zum Nachtanzen. Selbst die Ausbildung zum Agrarökonom kommt heute ohne elearning nicht mehr aus. Grundlagenwissen lässt sich einfacher und besser vermitteln über einmal professionell erstellte Videos.

Und die Schule? Auch die Schulen bereiten sich auf einen Wandel vor. Wie erfolgreich das sein kann, sehen wir anhand der Beispiele analysiert und präsentiert vom renommierten Clayton Christiansen Institut for Innovation of Learning.  Blended Learning ist das erfolgversprechende Stichwort – die intelligente Verbindung von on demand Trainings mit interaktivem Präsenzunterricht. Lehrer werden schon bald mehr Zeit für die Interaktion mit den Schülern haben, anstatt Grundlagenwissen vor der Tafel zu rezitieren. Unsere Schüler werden von einem personalisierten Lernprozess profitieren.

Wie bei allen Innovationen in der Medienlandschaft werden die altbekannten Medien weiterhin ko-existieren, jedoch stellenweise an Bedeutung verlieren. Das Buch wird es weiterhin geben. Aber die Kannibalisierung des gedruckten Werks, durch eBook, pdf oder Blogs im Internet wird dem Buchmarkt zusetzen und die Stückkosten in die Höhe schrauben.

Schrittweise wird das gute alte Schulbuch durch elearning Module ersetzt, darüber spricht man schon seit über zehn Jahren, aber es kann noch lange dauern, bis das der Fall sein wird. Aber ich denke, dass sobald der Wandel einzusetzen beginnt, der Transformationsprozess sehr schnell über die Bühne gehen wird. Gut vorstellbar, dass es das Schulbuch weiterhin für Kinder im Kindergartenalter und der Primarstufe geben wird. Ab der Sekundarstufe b.z.w. sobald Schüler mit dem Laptop oder Tablet zur Schule gehen, wird auch der Content auf digital umgestellt.

Expertenwissen wird zunehmend durch hochqualitative Videotutorials verbreitet. Videotutorials sind mannigfaltig einsetzbar und jederzeit verfügbar. Ganz wichtig: Der Lernenede kann jederzeit zurückspulen und sich einzelne Szenen wiederholt ansehen.

Beobachten Sie doch selbst den Wandel: Wenn Sie nächstes Mal im Zug sitzen und sehen, wie ihr Sitznachbar in sein Smartphone starrt, versuchen sie mal herauszufinden, ob er/sie die Facebook-Nachrichten ihrer Freunde liest oder ob er/sie sich gerade beruflich weiterbildet.

Vergleich von Fachbuch zu FachVideotutorial:

Vergleich Fachbuch versus Fach-Video-Tutorial

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Digital Sokrates

Digital Sokrates

Andreas ist verheiratet und Vater von 2 Teenagern und lebt im Kanton Zürich. Andreas hat einen Abschluss der Betriebswirtschaft an der Uni in Graz (AT) und einen Master in Telematik Management an der Donau Uni (AT). Während seiner beruflichen Laufbahn widmete er sich stets Pionierprojekten der Digitalisierung in den Bereichen Medien, Gaming, Kommunikation, Bildung und Werbung. Seine grosse Leidenschaft gilt dem Thema Innovationen des Lernens. Diskutieren Sie mit "Digital Sokrates" Andreas wie wir alle die Zukunft des Lernens gestalten können.

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